Stellungnahme zur Approbationsordnung

An das Bundesministerium für Gesundheit

Wir begrüßen den Referentenentwurf der Approbationsordnung für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (PsychTh-ApprO) vom 17.10.2019 durch das Bundesministerium für Gesundheit. 

Dabei wollen wir empfehlen, eine ausreichende Auseinandersetzung mit Verantwortung in der Psychotherapie im Rahmen der hochschulischen Lehre zu sichern. Aus diesem Grund verweisen wir auf die vorausgegangene Stellungnahme vom 03.05.2019, deren zentrale Punkte hier in aktualisierter Form folgen.

Der Entwurf der Approbationsordnung vom 17.10.2019 baut auf der Psychologie als einem der zentralen „Grundlagenfächer“ auf (S. 97). Dadurch ergibt sich die Möglichkeit und Notwendigkeit, die Empfehlungen des Wissenschaftsrats umzusetzen, die dieser 2018 zu Perspektiven der Psychologie in Deutschland gab. Der Wissenschaftsrat wies auf die mangelhafte Beschäftigung der Psychologie mit ihrer gesellschaftlichen Verantwortung sowie mit Theorie und Geschichte des Fachs hin. Er forderte eine stärkere Integration dieser Inhalte in die akademische Lehre und Forschung. Zuvor erschien bereits 2015 ein Memorandum zur Lage der Psychologiegeschichte, das für eine Stärkung historischer Inhalte eintrat. Doch im Referentenentwurf des Studiengangs Psychotherapie (Anlagen 1 und 2) fehlt bislang eine ausreichende Auseinandersetzung mit historischen und theoretischen Fragestellungen.

Als weitere Grundlagenfächer nennt der Referentenentwurf Medizin und Pharmakologie. Auch strukturell weist der Entwurf des Psychotherapiestudiums Parallelen zum Medizinstudium auf. Dies ist dem Status der Psychotherapie als akademischem Heilberuf und ihrer gewachsenen gesellschaftlichen Bedeutung angemessen. Ähnlich wie die Medizin hat die Psychotherapie heute große Einflussmöglichkeiten auf menschliches Leben. In der Medizin ist das Querschnittsgebiet Geschichte, Theorie und Ethik (GTE) als obligatorisches Lehr- und Prüfungsfach in der Approbationsordnung gesetzlich verankert. Dadurch werden Medizinstudierende mit möglichen Konsequenzen ihres Handelns konfrontiert. Sie setzen sich mit ihrer ethischen Verantwortung und der gesellschaftlichen Bedeutung ihres Fachs auseinander. 

Im Gegensatz dazu bestehen im Entwurf des Psychotherapiestudiengangs noch Defizite. Dies betrifft besonders den Masterstudiengang (Anlage 2, S. 57-62), in dem trotz des hohen praktischen Anteils bislang eine Reflexion der psychotherapeutischen Verantwortung nicht berücksichtigt wird.

Die Geschichte fördert die Kenntnis des eigenen Fachgebiets und ermöglicht, den gesellschaftlichen Kontext der Psychologie und Psychotherapie zu reflektieren. Dazu gehört die historische Entwicklung psychologischer Ansätze ebenso wie die Auseinandersetzung mit der Rolle der Psychotherapie in verschiedenen politischen Systemen, etwa dem Nationalsozialismus oder der DDR. Zudem hilft historisches Wissen, die eigene Disziplin kritisch zu reflektieren, aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen zu erkennen und sich der Möglichkeiten und Grenzen psychotherapeutischen Handelns bewusst zu werden.

  • Im jetzigen Entwurf der Approbationsordnungist die Geschichte der Psychologie und Psychotherapie nur als einer von fünf Unterpunkten im Bereich der „Wissenschaftlichen Methodenlehre (15 ECTS)“ (Anlage 1, S. 55) im Bachelor aufgeführt. Bei Geschichte und Methodenlehre handelt es sich um wenig kongruente Gegenstandsbereiche. Expertise in der Lehre von Methoden bedeutet keineswegs, dass Fachkompetenz in der Lehre von Psychologiegeschichte besteht und umgekehrt. Vor diesem Hintergrund ist die Verbindung der beiden Gebiete wenig sinnvoll. Die Qualität einer geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Psychologie und Psychotherapie ist im aktuellen Entwurf somit nicht hinreichend gesichert.

Die Beschäftigung mit der Theorie der Psychologie stärkt sowohl den inneren Zusammenhang der Disziplin als auch die Positionierung zu anderen Disziplinen. Eine Auseinander­setzung mit Theorien der wissenschaftlich anerkannten psychotherapeutischen Verfahren ermöglicht Studierenden die Entscheidung, welche Fachkunde sie nach der Approbation wählen. Auch Methodenreflexion sowie wissenschaftstheoretische Fragen, die der Wissenschaftsrat explizit forderte, gehören zum Gebiet der Theorie. Insgesamt begünstigt die Theoriebildung Innovation und den Anschluss an internationale Fachdebatten.

  • Im jetzigen Entwurf ist „Erkenntnistheorie“ ebenfalls in die „Methodenlehre (15 ECTS)“ (S. 55) im Bachelor integriert. Zudem soll eine konzeptuelle Auseinandersetzung im Rahmen der „Störungslehre (8 ECTS)“ (S. 53) und „allgemeinen Verfahrenslehre der Psychotherapie (8 ECTS)“ (S. 54) stattfinden. Dies ist zu begrüßen, dennoch bildet auch hier die theoretische Auseinandersetzung nur einen von vielen Unterpunkten und droht, zugunsten anderer Inhalte vernachlässigt zu werden. 

Die Ethik der Psychotherapie befasst sich mit ethischen und rechtlichen Aspekten im Umgang mit menschlichem Leiden, Krankheit und Gesundheit. Sie reflektiert Möglichkeiten und Grenzen therapeutischen Handelns und diskutiert konkrete ethische Probleme in psychotherapeutischen Behandlungen. Aufgrund der pluralen professionellen Einsatzorte von Psychotherapie ergeben sich vielfältige ethische Fragen. Diese betreffen den Krankenhausalltag, ökonomische Aspekte, Digitalisierung, die Beziehung zwischen Patient*in und Therapeut*in und einzelfallspezifische Entscheidungssituationen. Bei der Arbeit mit Menschen in Krisenmomenten können unterschiedliche Fragestellungen auftreten, etwa zu Sexualität, Suizidalität, Sterbehilfe bei schweren somatischen Krankheiten (z.B. in der Psychoonkologie) oder dem Abstinenzgebot. Diese Fragen und Probleme sind bedingt durch eine gesellschaftliche Pluralität von Wertvorstellungen und das Selbstbestimmungs­recht des Einzelnen. Eine Auseinandersetzung damit ist unerlässlich. 

  • Im aktuellen Entwurf ist der Lehrinhalt „Berufsethik und Berufsrecht (2 ECTS)“ (S. 55) nur im Bachelor vorgesehen. Dieser Umfang ist für die notwendigen Inhalte unzureichend. Schon die Lehre der berufs- und sozialrechtlichen Rahmenbedingungen der Psychotherapie, die hier ebenfalls erfolgen soll, füllt den geringen Stundenumfang vollständig aus. Gerade im Masterstudium fehlen diesbezügliche Inhalte ganz. Hier wird der geplante Praxis- und Reflexionsanteil aber voraussichtlich ethische Fragen aufwerfen, die einer systematischen Diskussion bedürfen.

Eine Auseinandersetzung mit Verantwortung in der Psychotherapie ist für eine qualitativ hochwertige Approbation in Psychotherapie notwendig. Wir plädieren deswegen für:

  • Die Bündelungdiesbezüglicher Studieninhalte in einem übergeordneten Querschnittsbereichder geschichtlichen, theoretischen und ethischen Grundlagen (GTE),um kohärente und wissenschaftlich fundierte Lehre zu diesen Themen zu sichern.
  • Die Integrationdes verpflichtenden Lehrinhalts GTE als Mindestanforderung an das Studium imBachelor und Master,um der Verantwortung in der Psychotherapie als Profession und Wissenschaft gerecht zu werden.

Die Stellungnahme wurde am 12.11.2019 an das BMG geschickt.

Unterzeichnende Wissenschaftliche Gesellschaften und Institutionen:

Akademie für Ethik in der Medizin e.V. (AEM), Humboldtallee 36, 37073 Göttingen

Fachverband Medizingeschichte, Joseph-Stelzmann-Straße 20, 50931 Köln

Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung der Universität zu Lübeck (IMGWF), Königstrasse 42, 23552 Lübeck

Unterzeichnende Personen:

Prof. Dr. Viola Balz, Klinische Psychologie und psychosoziale Beratung, Evangelische Hochschule Dresden

Prof. Dr. Cornelius Borck, Direktor des Instituts für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung, Universität zu Lübeck

Dr. Dipl.-Psych. Jenny Lena Camin-Kanitz, Psychologische Psychotherapeutin, Berlin

Prof. Dr. Christine Daiminger, Gesundheit und Soziales, Beratung und Teilhabe, Studiengangsleitung Master Psychotherapie mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie, Hochschule München

Dipl.-Psych. Anne Ehrlich, Psychologische Psychotherapeutin, Berlin

Prof. Dr. Heiner Fangerau, Leiter des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Universitätsklinikum Düsseldorf

Prof. Dr. Uljana Feest, Philosophie der Sozialwissenschaften und Sozialphilosophie, Leibniz-Universität Hannover

Dipl.-Psych. Lotta Fiedel, Doktorandin, Universität Oldenburg 

Prof. Dr. Jens Gaab, Klinische Psychologie und Psychotherapie, Universität Basel

Nadine Hecker, Studentin der Psychologie, Universität Greifswald

Prof. em. Dr. Fritz Hohagen, ehem. Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität zu Lübeck

Prof. Dr. Dr. Mariacarla Gadebusch Bondio, Direktorin des Institute for Medical Humanities, Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Dipl.-Psych. Lars Hauten, Psychologischer Psychotherapeut, Dozent und Supervisor am Institut für Psychologische Psychotherapie und Beratung (ppt), Berlin

Prof. Dr. Dr. Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité Universitätsmedizin Berlin

Prof. Dr. Volker Hess, Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, stellvertretender wissenschaftlicher Direktor des Zentrums für Human- und Gesundheitswissenschaften (CC01), Charité Universitätsmedizin Berlin

Dr. Dipl.-Psych. Franz Janßen, Psychologischer Psychotherapeut für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Supervisor und Selbsterfahrungsanleiter Verhaltenstherapie, Berlin

Dr. Dipl.-Psych. Andreas Jüttemann, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité Universitätsmedizin Berlin

Dipl.-Psych. David Keller, M.A. Kulturwissenschaften, Doktorand, Ausbildungskandidat Psychologische Psychotherapie, Berlin

Prof. Dr. Sören Krach, Social Neuroscience, Universität zu Lübeck

Prof. Dr. Dr. Günter Krampen, Psychologischer Psychotherapeut & Professor em, Director Emeritus of the Leibniz Institute for Psychology Information (ZPID), Universität Trier 

Prof. Dr. Ulrike Krämer, Kognitive Neurowissenschaften, Universität zu Lübeck

Prof. Dr. Bernhard Kleeberg, Wissenschaftsgeschichte, Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien, Universität Erfurt

Dipl.-Psych. Leonie Knebel, Psychologische Psychotherapeutin, Berlin 

Prof. em. Dr. Helmut E. Lück, Fakultät für Psychologie, Fernuniversität in Hagen

Dr. Dipl.-Psych. Mike Lüdmann, Studiengangsmanagement Psychologie, Universität Duisburg-Essen

Prof. Dr. Dr. Andreas Maercker, Psychopathologie und Klinische Intervention, Universität Zürich

J-Prof. Dr. Lisa Malich, Wissensgeschichte der Psychologie und Psychotherapie, Psychologische Psychotherapeutin, Universität zu Lübeck

Prof. Dr. Georg Marckmann, Vorstand des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, Ludwig-Maximilians-Universität München, Präsident der Akademie für Ethik in der Medizin (AEM)

Prof. Dr. Thomas F. Münte, Direktor der Klinik für Neurologie, Universität zu Lübeck

Prof. Dr. Karen Nolte, Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Vorsitzende des Fachverbands Medizingeschichte

Prof. Dr. Christoph Rehmann-Sutter, Theorie und Ethik der Biowissenschaften, Universität zu Lübeck

Prof. Dr. Carsten Reinhardt, Historische Wissenschaftsforschung, Universität Bielefeld, Vorsitzender der Gesellschaft für Geschichte der Wissenschaften, der Medizin und der Technik (GWMT)

Dipl.-Psych. Dipl.-Soz. Jonas Rüppel, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ausbildungskandidat Psychologische Psychotherapie (IPF der DPG), Goethe-Universität Frankfurt am Main

Dipl.-Psych. Sabrina Saase, Doktorand*in Technische Universität Braunschweig in Kooperation mit der Sigmund Freud Universität Berlin

Prof. Dr. Wolfgang Schulz, Institut für Psychologie, Technische Universität Braunschweig

Dr. Dipl.-Psych. Anna Sieben, Sozialtheorie und Sozialpsychologie, Ruhr-Universität Bochum

Prof. Dr. Judith Simon, Ethics in Information Technology, Universität Hamburg, Mitglied des Deutschen Ethikrats

Prof. Dr. Wolfgang Schönpflug, Allgemeine Psychologie, Freie Universität Berlin

Apl. Prof. Dr. Christina Schües, Philosophie, Leuphana Universität Lüneburg

Prof. Dr. Jule Specht, Persönlichkeitspsychologie, Humboldt-Universität zu Berlin

Dipl.-Psych. Eva Stahl, Psychologische Psychotherapeutin, Institut für ppt, Supervisorin und Dozentin Verhaltenstherapie, Berlin

Prof. Dr. Jürgen Straub, Lehrstuhl für Sozialtheorie und Sozialpsychologie, Ruhr-Universität Bochum

Can Ünlü, B.Sc. Psychologie, Student der Psychologie, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Ass.-Prof. Dr. Dr. Martin Wieser, Theorie & Geschichte der Psychologie, Sigmund Freud Universität Berlin

Prof. apl. Dr. Dr. Uwe Wolfradt, Institut für Psychologie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Dr. Dipl.-Psych. Gerhard Zarbock, Leitung und Geschäftsführung/ Psychotherapeut/IVAH, Institut für Verhaltenstherapie-Ausbildung Hamburg